Das erste Mal - von Kerstin E. Finkelstein (radzeit)

Definitiv ehrabschneidend kam das erste von mir in freiem Straßenverkehr gesichtete Liegerad daher: Es war an einem kühlen Tag im August, ich trat in Hochfrequenz mein 21 Gang-Mountainbike die Invalidenstraße hinauf, 32 Kilometer verkündete mein Tacho – und neben mir schob sich geräuschlos-entspannt ein niedriger Schatten vorbei. Darauf ein Fahrer mit lässig unangestrengter Miene, kein Keuchen, keine Schweißperle; es fehlte eigentlich nur noch, dass er sich bei der rasanten Fahrt noch ein wenig die Haare zurecht legte.

Das erste Mal auf einem Liegerad  - Kerstin E. Finkelstein (Chefredakteurin radzeit); Foto: Johannes Groß

Ich beschloss, mir dieses seltsame Mobil näher anzuschauen. Leider ließ mir der Fahrer dazu keine Möglichkeit, da er uneinholbar im Berliner Straßennetz verschwand. Eine Woche später stehe ich deshalb im Geschäft von Johannes Groß, dem Inhaber von „feine räder“. Direkt hinter seinem Laden befindet sich ein lang gezogener, autofreier Weg, auf dem nur ab und an ein Fußgänger kreuzt, sonst Stille und ein klares Ziel vor Augen. Groß setzt mich mit den Worten „immer auf die Parkbank am Ende zusteuern!“ auf ein erstes Startermodell. Das Bacchetta Giro20  hat den Lenker vorne und den Sitz einigermaßen aufrecht, so dass ich beim Start – das Fahren auf einem Sitzrad nachmachend  – mich am Lenker festhalte und sofort gut wegkomme. Sogar die Parkbank bleibt verschont und ich schaffe eine Kurve. Ab der zweiten Geraden kommen auch die Schultern wieder herunter und ich stelle fest: Das macht Spaß! „Und ist bequem“, so Groß, „schließlich muss man sich auf einem Aufrechtrad die ganze Zeit mit den Armen abstützen. Viele haben nach längeren Touren Probleme mit dem Sitzen oder Rückenverspannungen. Das passiert bei einem Liegerad nicht.“

Er hält mir das zweite Modell hin, eine „Street Maschine“ von HP Velotechnik. „Das ist ein Geradeausfahrrad“, so Groß, schließlich falle das Kurven fahren auf Grund der Lenktechnik nicht auf Anhieb leicht. Ich muss derweil aufpassen, dass es kein Umfallfahrrad wird. Darüber nachzudenken, wie es sich neben den Oberschenkeln lenkt, fordert mehr Zeit, als ein Rad zum Fallen braucht. Zum Glück ruht dieses hier in des Verkäufers Händen, und siehe – beim dritten Versuch fahren wir, der so genannte Kurzlieger und ich, los.

„Die Street Maschine war 1993 eines der ersten Liegeräder, bei dem das Vorderrad unter den Rahmen gezogen wurde. Dadurch wurde es natürlich erheblich praktischer.“ Wendig indes nur, wenn man es mit der Hand herum hebt. Ich jedenfalls muss bei meiner ersten Spritztour Kurven noch abgehen. Der Rest funktioniert indes auf Anhieb – losfahren, voll gefedert im Sitz kleben und breites Grienen aufsetzen.

Johannes Groß (Feine Räder Berlin) auf einem ICE X-Sprint; Foto: Kerstin E. FinkelsteinDer letztendliche „haben-wollen-Reflex“ tritt dann bei Modell drei auf, dem ICE X-Sprint. Während Zweiräder ohne Halt zum Umkippen neigen, fahren Trikes alleine los, sobald man ihre Parkbremse entfesselt. Wer hat sich das nie gewünscht, ein Rad, das von alleine fährt? Das X-Sprint sitzt sich zudem wie eine Mischung aus Hängematte und Omasessel – Wohlfühlen pur, fehlt nur noch der Cocktail. „Mit so einem Fahrrad können Sie dann eben auch einfach mal 150 Kilometer fahren, ohne es als groß anstrengend zu empfinden“, meint Groß.

„Liegeräder sind nichts für den Weg zum Bäcker, sondern für Menschen, die wirklich Strecke machen wollen“. Inzwischen gibt es auch Modelle mit Verdeck, damit zum Beispiel Pendler ganz auf ihr Auto verzichten können. Und sich schon unterwegs wie im Urlaub fühlen. „Aber,“ so meine letzte Frage vor dem endgültigen Verlieben, „ist es nicht gefährlich, so niedrig unterwegs zu sein?“ „Autofahrer sind auf gleicher Höhe unterwegs, Sie sind also im Blick – und wenn Sie an die Rechtsabbieger denken: Die sind für alle gefährlich; da könnten Sie auch einen rosa Elefanten aufs Rad setzen, den sehen die nicht – weil eben kein Schulterblick gemacht wird. Also müssen Sie als Radfahrer immer aufpassen, egal auf welchem Rad.“ Zudem gibt es inzwischen sogar diverse Liegeräder zum Falten, so dass man mit ihnen auch zunächst einmal per Bahn die Innenstadt verlassen kann, um sich dann draußen der puren Freude und dem Genuss am Fahren hinzugeben.

Hinweis: Der Bericht ist in der Zeitschrift radzeit 05/2012 erschienen.

Fotos: Johannes Groß (Feine Räder Berlin) und Kerstin E. Finkelstein (radzeit)

Geschrieben von Kerstin E. Finkenstein am 02.06.2013.